Newsletter Editorial von Herrn Dr. Jörg Müller

Editorial

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Medizinstudierende,

die Würfel sind gefallen, die Ergebnisse der Bundestagswahl stehen fest. Aus ärztlicher Sicht gibt es viele Fragezeichen mit Blick auf die Zukunft, etwa in Bezug auf die veritable Wundertüte, die sich in den diversen Parteiprogrammen hinsichtlich der Neugestaltung der stationären Versorgung verbirgt. Diese reichen von einer wirklich bedarfsgerechten Krankenhausplanung, mehr interprofessioneller Koordination und Kooperation, Krankenhausfinanzierung mehr nach gesellschaftlichem Auftrag und weniger nach Fallzahlen und dem „Evergreen“: der Überwindung der Sektorengrenzen. Hier bleibt es spannend, was die Politik am Ende aus diesem kunterbunten Forderungskatalog machen wird. Das Thema ambulante Versorgung kam bei den meisten Parteien traurigerweise gar nicht vor. Echte Wertschätzung geht anders. Und für das Schreckgespenst Bürgerversicherung, das seit Jahren regelmäßig aus der Mottenkiste geholt wird, scheint sich zwar eine Mehrheit unter den Parteien herauszukristallisieren, allein es fehlt der Glaube, ob diese – wenn sie überhaupt kommt – wie geplant umgesetzt werden kann. Auch rechtlich bestehen erhebliche Zweifel, dass die PKV einfach gekippt werden kann – Stichwort Bestandsschutz der Altverträge. Aber selbst wenn die Bürgerversicherung eingeführt werden sollte, dürfte sich für die meisten Medizinerinnen und Mediziner nichts wesentliches an ihrem Alltag ändern, zumal auch in Zukunft eine ungebrochene Nachfrage an ärztlichen Leistungen bestehen wird, sei es von GKV-Patienten oder von Privat- bzw. Selbstzahlern, Bürgerversicherung hin oder her.

Wie auch immer sich die neue Bundesregierung zusammensetzen wird – für uns Ärztinnen und Ärzte ist klar, dass es so wie in den vergangenen Jahren nicht weitergehen kann. In den Kliniken nimmt der ökonomische Druck auf ärztliches Handeln von Jahr zu Jahr zu, wie etwa unsere Umfragen unter den Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung regelmäßig zeigen. Und auch die Kolleginnen und Kollegen im niedergelassenen Bereich ächzen unter einem immer engeren Korsett aus Vorgaben und unter gedeckelten Kosten, an dem auch erste zaghafte Versuche der Politik Richtung Entbudgetierung nichts wesentliches geändert haben.

Zuversichtlich stimmt mich, dass wir Ärztinnen und Ärzte langsam mehr Gehör finden, auch und gerade was Forderungen unseres Verbandes betrifft. Dieser Trend wurde zweifelsohne durch die Pandemie, die auch gesamtgesellschaftlich die zentrale Stellung der Ärzteschaft deutlich vor Augen malte, und den zunehmenden Ärztemangel vor allem in ländlichen Gebieten verstärkt. Generell scheint die Zeit reif für mehr Selbstbewusstsein. So fordern auch unsere jungen Kollegen immer selbstverständlicher, dass Ärztinnen und Ärzte neben dem Beruf auch Freizeit und Zeit für die Familie brauchen – und das zu Recht. Und wo die nötige Wertschätzung versagt wird, werden wir weiterhin kein Blatt vor den Mund nehmen – wie aktuell beim „Köpping-Brief“ des Kollegen Lipp, in dem es auch darum geht, wie „einäugig“ die politische Wahrnehmung ärztlicher Leistungen manchmal ist. Dabei zeichnet es gerade den Hartmannbund aus, der Verband aller Ärztinnen und Ärzte zu sein – lassen wir uns nicht auseinander divideren! Dies ist das Stichwort zur Überleitung zur Mitteldeutschen LDV 2021, die am 9. Oktober Jahr in Gera stattfindet und die wir mit Spannung erwarten. Besonders gespannt bin ich auf den Vortrag „Warum die Ärztinnen und Ärzte ihre eigene Identität verteidigen“ müssen, gehalten vom Freiburger Medizinethiker Prof. Giovanni Maio. Es sind noch wenigen Plätze frei. Weitere Infos dazu unten.

In der Hoffnung, Sie ihn Gera begrüßen zu dürfen verbleibe ich mit freundlichen kollegialen Grüßen

 

Dr. Jörg Müller

im Namen der Vorsitzenden der drei Mitteldeutschen Hartmannbund Landesverbände Sachsen (Dr. Thomas Lipp), Sachsen-Anhalt (Dipl.-Med. Bruno Jung) und Thüringen