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Presse

26.04.2013 // Kommentar zur Veranstaltung des Hartmannbundes "Heiler oder Gesundheitsmanager? Der Arzt und seine Bedeutung in der Patientenversorgung der Zukunft."

Rostocker Jungmediziner: Der Beruf des Hausarztes ist erstrebenswert

Anja Köhler, Ärztenachrichtendienst:

Rostocker Jungmediziner: Der Beruf des Hausarztes ist erstrebenswert

Heiler oder Gesundheitsmanager? Zur Zukunft des Arztberufes diskutierten Mitglieder und Gäste auf der Landesdelegiertenversammlung der Hartmannbund-Landesverbände (LV) Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in Leipzig. Zu Gast war unter anderem Dr. Gregor Feldmeier aus Rostock, zu dessen Statements gehörte, dass die Finanzierbarkeit einer ethischen Patientenversorgung gewährleistet sein müsse.

Feldmeier vom Universitätsklinikum Rostock referierte über die künftige Rolle des Arztes. „Heiler oder Gesundheitsmanager? Der Arzt und seine Bedeutung für die Patientenversorgung der Zukunft“ – dies hatten die Veranstalter als Thema für Podium und Diskussion ausgegeben. Feldmeier präsentierte zunächst Ergebnisse aus einer Befragung von Hausärzten in Mecklenburg-Vorpommern, wonach mehr als 70 Prozent angeben hätten, mit ihrem Beruf zufrieden zu sein. Zweite zentrale Aussage der Umfrage sei, dass Arzneimittelregresse als Geringschätzung der hausärztlichen Tätigkeit empfunden würden. Als Wünsche der Hausärzte benannte Feldmeier eine freie und unabhängige Patientenversorgung mit mehr Zeit für die Patienten, eine hohe Honorierung des hausärztlichen Gesprächs und „die weitere Fokussierung auf die Rekrutierung des allgemeinmedizinischen Nachwuchses“. Feldmeier, Assistenzarzt in Weiterbildung und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Rostock, betonte zwar, „dass ich selbst noch nicht mit dem äußeren Druck und den Zwängen der Abrechnung konfrontiert wurde“. Wie die hausärztliche Versorgung, vor allem im ländlichen Raum, künftig aussehen könne, davon hatte er dennoch konkrete Vorstellungen. Der Hausarzt müsse konsequent als „Gatekeeper“ fungieren. Zu Lösungsansätzen zähle demnach auch, „Teampraxen im Generationenmodell“ zu betreiben und Aufgaben an nichtärztliches Personal zu delegieren. Letzteres gehe damit einher, den Beruf der Medizinischen Fachangestellten inhaltlich aufzuwerten. Eine niedergelassene Ärztin aus Leipzig murmelte während Feldmeiers Ausführungen „die Vorstellungen sind eine Frechheit gegenüber älteren Kollegen“. Auf Nachfrage des änd begründete sie dies damit, dass „alles schön klingt, aber fernab jeder beruflichen Realität ist - vor allem, wenn man selbst noch nicht in der beruflichen Praxis eines Niedergelassenen war“. Sie sagte, dass Praxisgemeinschaften nicht zwangsläufig besser funktionieren müssen als Einzelpraxen. „Jeder hat ja nun mal seine eigenen Vorstellungen davon, wie er seine Praxis betreibt“. Feldmeier hatte konstatiert, dass in Gemeinschaftspraxen zumindest auf dem Land viele Vorteile lägen und sie die Zukunft der ambulanten Versorgung sein würden – u.a., weil Nachwuchsmediziner bevorzugt im Team arbeiten würden.

Rainer Striebel, Vize-Chef der AOK Plus und zweiter Referent des Abends, schloss sich Feldmeiers Argumenten in Teilen an. Es stelle sich die Frage, was aus Praxen werden wird, für die Ärzte in Rente keine Nachfolger finden. „Junge Ärzte wollen kaum noch eine eigene Praxis“, so Striebel. Vielmehr würden Medizinische Versorgungszentren (MVZ) als Mittel der Wahl erscheinen.

Für Bruno Jung, niedergelassener HNO-Arzt aus Aschersleben, ist es hingegen eine „schlimme Sache, dass man die Einzelpraxis schlecht redet“. Allerdings räumte auch er während der Diskussion ein, dass für Niedergelassene wirtschaftlich generell schwer zu kalkulieren sei, „die Rahmenbedingungen können sich heutzutage einfach zu schnell ändern“.

Ähnlich argumentierte Dr. Thomas Lipp, Vorsitzender des Hartmannbund-Landesverbandes Sachsen: „Kein Arzt, der nicht 20 Jahre Planungssicherheit hat, wird sich eine eigene Praxis antun“. Dass MVZ die optimale Lösung seien, glaube er allerdings auch nicht. Alle großen MVZ, die er kenne, seien wirtschaftlich am Schlingern. An einigen Stellen seien sie richtig, an anderen nicht. Dies hänge u.a. von regionalen Gegebenheiten ab. Lipp glaube nicht daran, dass „wir wieder eine flächendeckende Versorgung haben werden“. Die Art der Medizin werde „uns einfach dazu zwingen“, zu kooperieren, „in welcher Form auch immer“, so Lipp. Er halte es jedoch genauso für verfehlt, der Einzelpraxis nachzutrauern. Lipp kam zu dem Fazit, „dass wohl niemand bezweifeln wird, dass wir in unterversorgten Gebieten einen fließenden Übergang zwischen ambulanter und stationärer Versorgung haben werden“.

Dr. Lutz Pluta, Internist aus Markleeberg, warnte vor dem Trugschluss, dass Krankenhäuser die ambulante Versorgung retten könnten. Aus eigener Klinikerfahrung wisse er, dass es schon jetzt Probleme gebe, Dienst abzudecken. „Wenn es keinen Hausarzt in der Nähe gibt, wer soll sich dann zum Beispiel um die 60 bis 80 Patienten kümmern, die in der Grippezeit zusätzlich kommen?“, so Pluta.

Diskussionsgegenstand war einmal mehr, dass der Wunsch nach veränderten Arbeitszeitmodellen junger Ärzte die Medizin von heute präge – auch, weil immer mehr Frauen als Ärztinnen arbeiten, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen. Lipp sagte: „Frauen sind definitiv alle klüger als Männer – sie haben einen natürlichen Schutz vor Selbstausbeutung“. So würden beispielsweise Zahlen aus der Chirurgie belegen, dass eine Ärztin durchschnittlich 50 bis 60 Prozent der Lebensarbeitszeit eines Arztes erbringe. „Das ist kein Nachteil, das sind Gegebenheiten, die man anerkennen muss“, so Lipp weiter. Kliniken stünden dadurch jedoch vor personellen Herausforderungen.

Leipzig 19.04.2013