Neujahrsgrüße vom Landesvorsitzenden: Patientensteuerung, Notfallreform und die Krankenhausreform

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wieder wende ich mich mit Grüßen und Eindrücken zum neuen Jahr an sie.

Zuerst wollte ich mich auf die „Großen Drei“ Themen einlassen: Patientensteuerung inklusive Selbstbeteiligung der Patienten, Notfallreform inklusive Aufbau von neuen Parallelstrukturen neben den regulären, kassenärztlichen Öffnungszeiten, sowie Krankenhausreform inklusive Ambulantisierung und Hybrid-DRG.

Zu jedem einzelnen Punkt könnte man Bücher mit den Meinungen und Interessen der einzelnen Beteiligten füllen und es stand in den letzten Wochen dazu vieles in der Presse.

Daher habe ich eine etwas andere Herangehensweise gewählt und außerhalb der „Großen Drei“ mir auch erwähnenswert erscheinende Themen der Gesundheitspolitik gedanklich herausgegriffen – neben dem Dauerbrenner Entbürokratisierung.

Die Bedeutung des ambulanten Sektors – notwendig neben einen und auch für einen funktionierenden stationären Sektor – braucht man eigentlich nicht nochmals zu betonen. Doch: 43 Mio. Termine pro Jahr in der Niederlassung unbezahlt, was ca. 2,7 Mrd EUR entspricht und ca. 13% der Termine ausmacht. Und dass obwohl 35-mal mehr Fälle in der Niederlassung behandelt werden (Quelle KBV).

Die Niederlassung ist nicht der Kostentreiber, als der sie gerne mal hingestellt wird, sondern der Motor unseres Gesundheitssystems. Auch für den stationären Sektor. Stellen sie sich vor, 13% der Krankenhausbehandlungen würden pauschal nicht bezahlt werden, wie ausgeprägt wäre das Kliniksterben dann gewesen (oder gar der Druck auf Reformen).

Ohne den ambulanten Sektor mit einzubeziehen bleiben notwendige Strukturreformen der „Großen Drei“ Themen Wunschdenken. Doch aktuell besteht (noch) kein Vertrauen darin, dass echte Strukturreformen im Gesundheitswesen kommen werden. Und auch „Praxis“ muss sich darin neu erfinden.

Deprofessionalisierung im Gesundheitssystem in jedweder Art ist eher Kontraproduktiv, um eine qualitativ hochwertige Versorgung zu gewährleisten, wenn sie notwendig ist. Sie kostet auch Geld (was dann die „Kunden“ erst einmal selber zahlen) um dann im Gesundheitssystem erneut zur Kasse gebeten werden (sei es in Form von Krankenkassenbeiträgen oder nicht-GKV-Leistungen zur gezielten Diagnosesicherung). Auch eine Apothekenreform mit Impfzulassung und Abgabe von verschreibungspflichtigen Medikamenten ohne Arztkontakt kann da von dem einen oder anderen durchaus kritisch gesehen werden.

Digitalisierung sollte eigentlich entlasten und verbessern. Die Niederlassung ist hier aktuell immer noch Vorreiter. Das Faxgerät wird oft nur noch zur Kommunikation mit Kliniken eingesetzt. Aber im Alltag gibt es immer mal wieder technische Probleme, massenhaft teurer Austausch von Komponenten der TI, vom Auslaufen von Win10 mal ganz zu schweigen. Dies alles muss und wird trotz Unterfinanzierung und technischen Problemen eigenverantwortlich von den Praxen gestemmt.

Dabei läuft es mit der ePA seit verpflichtender Einführung im Oktober 2025 doch eigentlich ganz gut, oder? Auf Nachfrage bei einigen meiner Kolleginnen und Kollegen jedenfalls. Die zweite Frage war dann, woran sie das festmachen. Viele von ihnen hatten dann gar nichts mit der technischen Seite der ePA zu tun, „das macht ja alles die MFA“. Eigene Beobachtungen als alleiniger Komplettanwender der ePA in meiner Praxis war, das eine Patientenbehandlung dadurch gut eine Minute länger dauert (nur das verschicken) und ca. 10% der ePA wegen technischer Probleme, die fast ausschließlich nicht auf Praxisseite zurückzuführen waren, gar nicht erst das Licht der ePA oder der EBM-Abrechnung erblickten.

ePA also etwas für IT-Nerds? Es könnte so einfach sein, wird es bestimmt auch mal. Auch für Patienten, die aktuell fast nur als IT-Nerds mit der ePA-App zurechtkommen. Die Zukunft wird es zeigen.

Beim Thema Diditalisierung kommt man auch nicht um das Thema Digitale Terminvergabe rum. Gefordert von den Krankenkassen, am besten über die Krankenkasse selbst. Jameda und Co lassen sich das gut bezahlen. Aber welche Termine sollen denn dort vergeben werden? Die Termine müssten dann ja alle bezahlt werden, unbudgetiert und ohne Fallzahlbegrenzung. Das ist in einem Gesundheitssystem, in dem ein so immenser Kostendruck besteht wie derzeit in unserem, eher unglaubwürdig.

Und wenn extern unsere Praxistermine oder Leistungen vergeben werden, wie sieht es dann mit unserer Freiberuflichkeit aus? Bin ich dann nur noch angestellter der Kassen, dessen Dienst mit der Patientenversorgung mit der selbstgeplanten Work-Life-Balance und maximal 30h-Woche endet? Man bedenke, dass damit auch die ganze Praxisinfrastrutur mit allen Personal-, Bürokratie-, IT- und Steuerkosten an den Kassen hängen bleibt. Für mich eine super Entlastung, keine Verpflichtungen mehr neben der Patientenversorgung. Finanziell für unser Gesundheitssystem eine Katastrophe.

Auch eine Honorarreform muss also im Rahmen einer Strukturreform dringend diskutiert und Mitgedacht werden.

Auf Grund dem hohen Kostendruck im Gesundheitssystem sollen immer weiter steigenden Kassenbeiträgen verhindert werden, was auch im PKV-Sektor gelten sollte. Dazu soll eine Kommission relativ zeitnah Vorschläge erarbeiten. Sicher ist, dass die Kostenträger bei den ambulanten wie stationären Leistungserbringern in Zukunft eher Minusrunden anstreben wollen. Ich bin gespannt auf die Vorschläge.

Gleichzeitig soll auf Wunsch der GKV die Entbudgetierung bei TSS, Hausarztvermittlungsfällen und Offener Sprechstunde wieder der Vergangenheit angehören. Eine Budgetierung bedeutet aber eine Begrenzung in Fallzahl und Finanzierung. Also weniger Behandlungsfälle (die 13% unbezahlter Termine im GKV-Bereich sind ja bereits ein Puffer, der dann wegfallen könnte). Und Umsonst sollen wir ja nicht arbeiten, so unterstützt uns ja sogar das SGB V. Umgekehrt bedeutet eine Aufhebung und Steigerung der Fallzahlgrenzen weder eine Mehreinnahme (das Geld im Pott bleibt ja mindestens gleich) und mitnichten eine Qualitative Verbesserung der Versorgung.

Aber auch das Einsparpotential bei unserer überdimensionierten Krankenkassenstruktur ist riesig und ist hier eher im zweistelligen Milliardenbereich zu sehen. Dieses Thema wurde ja schon oft von mir angesprochen und wird hoffentlich auch im Rahmen der geplanten Kommission mitberücksichtigt.

Abschließend möchte ich mich entschuldigen, dass ich bei der Vielfallt an Themen der letzten Wochen und Monate hier und jetzt nicht alles zu ansprechen konnte – und wollte. Ich hoffe dennoch, ich konnte ihnen wieder einen kleinen Eindruck von der aktuellen Lage vermitteln.

Mit dem Wunsch, dass uns allen ein guter, hoffnungsvoller Start ins Jahr 2026 gelungen ist und wir alle gesund bleiben

Viele liebe Grüße

Ihr

Michael Langholz

Hartmannbund Bremen

Landesvorsitzender