Hamburg, 2. September 2026. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz könnte die ambulante Versorgung in Hamburg spürbar unter Druck setzen: Nach Einschätzung der KV Hamburg drohen rund 250 Praxen Umsatzrückgänge von mehr als 20 Prozent. Dies könnte spürbare Folgen für die Behandlungskapazitäten, die Niederlassungsbereitschaft und die Gewinnung ärztlichen Nachwuchses haben. Zu diesem Ergebnis kam die gesundheitspolitische Diskussionsveranstaltung „Die Gesundheitsreform 2026 – Was kommt auf uns zu?“ der Hartmannbund-Landesverbände Hamburg und Bremen, bei der Vertreter aus Politik, Selbstverwaltung, Kliniken und Ärzteschaft die konkreten Auswirkungen der aktuellen Reformvorhaben auf die Versorgung in Hamburg diskutierten.
Während Hamburgs Gesundheitsstaatsrat Tim Angerer vor allem die Notwendigkeit struktureller Reformen und einer langfristigen Neuordnung der Versorgung in den Mittelpunkt stellte, fiel die Einschätzung aus der ärztlichen Praxis deutlich kritischer aus. Angerer betonte, Reformen müssten in ihrer Gesamtwirkung betrachtet und ambulante sowie stationäre Versorgung gemeinsam weiterentwickelt werden.
Der Hartmannbund Hamburg forderte konkret, finanzpolitische Vorgaben und versorgungspolitische Ziele stärker aufeinander abzustimmen. Begrenzte Mittel dürften nicht dazu führen, dass medizinisch notwendige Leistungen wirtschaftlich unattraktiv werden oder politisch gewünschte Entwicklungen wie Ambulantisierung, Niederlassung und der Ausbau von Versorgungskapazitäten ausgebremst werden. Darüber hinaus müsse die ärztliche Selbstverwaltung stärker in die Ausgestaltung der Versorgung einbezogen werden. Gerade angesichts begrenzter finanzieller Spielräume brauche es regionale Gestaltungsmöglichkeiten, um vorhandene Ressourcen bedarfsgerecht und effizient einzusetzen.
Für die ambulante Versorgung liege das Problem nicht allein in sinkenden Einnahmen, sondern in Fehlanreizen, wenn zusätzliche Leistungen nicht angemessen vergütet werden. John Afful, Vorstandsvorsitzender der KV Hamburg, machte deutlich, dass Praxen ihre Versorgungskapazitäten unter diesen Bedingungen kaum ausweiten könnten. Besonders Haus- und Kinderarztpraxen könnten dadurch unter Druck geraten, obwohl der Versorgungsbedarf weiter besteht.
Für den Landesvorsitzenden des Hartmannbundes Hamburg, Dr. Clemens Rust, selbst Internist und Hausarzt, greift eine rein finanzielle Betrachtung deshalb zu kurz: „Wer Leistungen begrenzt, obwohl Versorgungsbedarf und Kosten weiter steigen, spart nicht nur im System, sondern er riskiert, an der Versorgung zu sparen. Wir brauchen Reformen, aber sie müssen Strukturen verbessern und dürfen Ärztinnen und Ärzte nicht dafür bestrafen, wenn sie mehr Versorgung übernehmen.“
Gerade in Hamburg müsse berücksichtigt werden, dass Praxen mit steigenden Personal-, Miet- und Betriebskosten konfrontiert seien. Eine weitere wirtschaftliche Verschärfung könne dazu führen, dass Niederlassungen unattraktiver werden. Die Folge wären längere Wartezeiten und zusätzliche Belastungen für bereits stark beanspruchte Notaufnahmen.
Auch die politisch gewünschte Ambulantisierung dürfe nicht durch widersprüchliche Finanzierungsanreize ausgebremst werden. Steffen Meyer, Geschäftsführer des Asklepios OP Zentrum MVZ, machte deutlich, dass erhebliche Strukturen für die Verlagerung stationärer Leistungen in den ambulanten Bereich aufgebaut worden seien. Wenn Finanzierungssysteme anschließend erneut verändert würden, drohten Investitionen und bereits erfolgte Umstrukturierungen entwertet zu werden. Hybrid-DRGs könnten dabei einen Teil der Entwicklung auffangen, lösten jedoch nicht sämtliche strukturellen Finanzierungsprobleme.
Neben den Folgen für die aktuelle Versorgung gehe es auch um den ärztlichen Nachwuchs. Wirtschaftliche Perspektiven beeinflussen zunehmend die Wahl von Fachgebiet, Weiterbildung und Niederlassung. „Die Finanzierung des Arztberufs entscheidet mit darüber, wofür sich junge Kolleginnen und Kollegen entscheiden. Wenn Allgemeinmedizin, Weiterbildung oder Niederlassung wirtschaftlich immer unattraktiver werden, entsteht daraus das Versorgungsproblem von morgen. Wir sollten deshalb gemeinsam ein System entwickeln, mit dem ärztliche Versorgung langfristig funktionieren kann“, sagte Prof. Dr. Volker Harth, Vorstandsmitglied des Hartmannbundes Hamburg und Ordinarius für Arbeitsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. Generell habe die Diskussion gezeigt, dass sich unterschiedliche regionale Versorgungsprobleme nicht allein mit pauschalen bundesweiten Vorgaben lösen lassen.
Diskussionsveranstaltung, Die Gesundheitsreform 2026 – Was kommt auf uns zu?“ Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Landesdelegiertenversammlungen der Hartmannbund-Landesverbände Hamburg und Bremen Referenten: Tim Angerer, Staatsrat der Behörde für Gesundheit, Soziales und Integration Hamburg John Afful, Vorsitzender des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg Steffen Meyer – Geschäftsführer des Asklepios OP Zentrum MVZ, Hamburg
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Bildquelle: © Kirsten Haarmann/kh-fotografie.com