Hartmannbund Niedersachsen warnt vor Abschaffung der telefonischen Krankschreibung: Digitale Patientensteuerung statt zusätzlicher Praxisbesuche

Der Hartmannbund Niedersachsen kritisiert die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und verweist auf die in Niedersachsen bereits erfolgreich etablierten digitalen Steuerungsinstrumente. Wenn sich Erwerbstätige bereits am ersten Krankheitstag in der Arztpraxis vorstellen müssten, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) zu bekommen, würde dies die Leistungsfähigkeit des medizinischen Systems unnötig belasten, ohne einen zusätzlichen Nutzen für die Versorgungssicherheit der Patientinnen und Patienten zu bringen.

 „Die primäre ärztliche Aufgabe ist die Diagnostik und Therapie nicht erkannter und unzureichend behandelter Erkrankungen“, betont die Vorsitzende des Hartmannbund Landesverbandes Niedersachsen Prof. Dr. Anke Lesinski-Schiedat. Ob man arbeitsfähig sei oder nicht, müsse als erstes jeder Versicherten und jede Versicherte selbst verantwortlich einschätzen. Diese Selbsteinschätzung könne man nicht durch eine verpflichtende ärztliche Erstvorstellung in Präsenz ersetzen, denn das verlagere Aufgaben in die Praxen, die dort keinen zusätzlichen medizinischen Mehrwert schafften. Vielmehr würden dadurch zusätzlich Kapazitäten gebunden, die dann für die eigentliche ärztliche Kernaufgabe fehlten. Zugleich würde eine verpflichtende Vorstellung bereits am ersten Krankheitstag zu einer erheblichen zusätzlichen Belastung des ambulanten Versorgungssystems führen und damit die ohnehin knappen personellen und zeitlichen Ressourcen im Gesundheitswesen weiter strapazieren.

„Niedersachsen zeigt, wie es anders geht: Mit dem von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) eingeführten digital gesteuerten Notfall-Ersteinschätzungssystem verfügen wir bereits über eine höchst effiziente Struktur zur Patientensteuerung“, so Prof. Lesinski-Schiedat. Die Versorgung der Patientinnen und Patienten sei dadurch gesichert, während die ärztlich-medizinische Vor-Ort-Versorgung spürbar entlastet werde. Auf dieser Basis schlage die niedersächsische Landesregierung folgerichtig lediglich eine Erweiterung zur Strukturierung des Rettungsdienstes vor und keine Rückkehr zu einer flächendeckenden Krankmeldung vor Ort in den Praxen.

Der Hartmannbund Niedersachsen appelliert an Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann, diesen Weg zum Maßstab einer intelligenten Patientensteuerung zu machen. Der Minister könne im Bundesministerium zwar auf ein erfahrenes Team zurückgreifen. Er sei aber gut beraten, sich auch vor Ort ein Bild davon zu machen, wie gut digitale Steuerungsmodelle wie in Niedersachsen bereits im Alltag funktionierten. „Als studierter Ökonom sollte Carsten Linnemann ein großes Interesse daran haben sinnvolle, effiziente und damit auch kostensparende Strukturen einzuführen“, so Prof. Lesinski-Schiedat. „Statt rückwärtsgewandte Verfahren wiederzubeleben, die weder der Versorgung noch der Entlastung des Systems dienen.“