Der Hartmannbund Landesverband Bayern begrüßt ausdrücklich, dass Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann die hohe Zahl der Arztkontakte in Deutschland durch eine bessere Patientensteuerung reduzieren möchte. Diese Diagnose sei richtig, denn eine gezieltere Lenkung von Patientenströmen entlastet Praxen und schafft Zeit für die, die sie wirklich brauchen. „Die vom Minister in einem Zeitungsinterview unterstützte Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die Einführung einer Attestpflicht am ersten Tag wären jedoch wiederum das genaue Gegenteil einer Entlastung und hier sind sich neben den Ärztinnen und Ärzten auch die anderen betroffenen Akteure im Gesundheitswesen wie Krankenkassen und Patientenvertretungen einig “, betont Wolfgang Gradel, der Vorsitzende des Hartmannbund Landesverbandes Bayern.
Die AOK hat erst kürzlich mit belastbaren Zahlen unterlegt, worum es bei der telefonischen Krankschreibung tatsächlich geht: Sie steht ausschließlich Patientinnen und Patienten offen, die bereits in hausärztlicher Behandlung sind. Nach einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) wurden 2024 von bundesweit 26,4 Millionen Krankheitsfällen nur rund 145.000 telefonisch bescheinigt – ein Anteil von etwa 1,5 Prozent. Für einen relevanten Missbrauch dieses Instruments gibt es nach Angaben der AOK keine Evidenz, und auch der bundesweite Krankenstand ist seit Einführung der telefonischen Krankschreibung nicht erkennbar gestiegen.
Hinzu kommt nach Ansicht des Landesverbands Bayern ein handfester Public-Health-Nutzen: Die telefonische Krankschreibung reduziert unnötige Praxiskontakte gerade dann, wenn sie am meisten Schaden anrichten – etwa in der Grippewelle im Winter oder bei sommerlichen Magen-Darm-Infekten, wenn erkrankte Patientinnen und Patienten überfüllte Wartezimmer und Praxistoiletten meiden können, statt dort weitere Menschen anzustecken. Diese unnötigen Risiken würden sich durch eine Attestpflicht ab dem ersten Tag wohl noch potenzieren, da viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich dann schon bei leichten Erkrankungen in die Praxis schleppen würden. Was wiederum die politisch gewollte und im Sinne einer intelligenten Patientensteuerung dringend notwendige Minimierung von Arztkontakten konterkariert.
Beide Maßnahmen wären generell Ausdruck einer allgemeinen Misstrauenskultur gegenüber Patientinnen und Patienten und den sie behandelnden Ärztinnen und Ärzten, betont der Hartmannbund Landesverband Bayern. Hausärztliche Praxis lebt von langjährigen, vertrauensvollen Beziehungen – keine Krankmeldung, ob telefonisch oder in der Praxis, erfolgt leichtfertig. Anders stellt sich die Lage bei erstmaligen Arztkontakten und Krankschreibungen über internetbasierte Portale dar: Hier bestehe ein reales Missbrauchspotenzial, dem klar entgegengewirkt werden muss.
„Wer die Zahl der Arztkontakte sinnvoll reduzieren will, muss bei der Steuerung ansetzen – nicht bei Instrumenten, die nachweislich funktionieren und Praxen entlasten“, erklärt Wolfgang Gradel, Vorsitzender des Hartmannbundes Landesverband Bayern. „Bundesgesundheitsminister Linnemann sollte seine richtige Diagnose nicht mit der falschen Therapie konterkarieren.“
Der Hartmannbund Bayern widerspricht zudem der wiederholten Aussage, Deutschland habe eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Zwar liegen die deutschen Gesundheitsausgaben mit 12,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (2022) tatsächlich über dem OECD-Durchschnitt. Diese Zahl blendet jedoch aus, dass die gesetzliche Krankenversicherung in erheblichem Umfang gesamtgesellschaftliche, versicherungsfremde Aufgaben mitfinanziert. Nach einer aktuellen Studie des IGES-Instituts im Auftrag des IMK der Hans-Böckler-Stiftung wendete die GKV 2024 rund 58 Milliarden Euro – knapp 18 Prozent ihrer Gesamtausgaben – für Leistungen auf, die vollständig oder anteilig als versicherungsfremd einzustufen sind, etwa die beitragsfreie Familienversicherung. Dem steht im Jahr 2026 ein Bundeszuschuss von lediglich 14,5 Milliarden Euro gegenüber, der seit 2017 nicht angepasst wurde. Rechnet man diese fremdfinanzierten Aufgaben korrekt heraus, relativiert sich die vielzitierte Spitzenposition Deutschlands im internationalen Vergleich erheblich – von einem „teuersten System“ kann dann keine Rede mehr sein.