Der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich Merz (CDU), hat in der vergangenen Woche mit der Bezeichnung einer Kinderärztin als „Nutznießerin“ des Gesundheitssystems eine Debatte entfacht. Der Vorsitzende des Brandenburger Hartmannbundes, Dr. Hanjo Pohle, teilt dazu mit: „Wenn der Regierungschef unseres Landes und Inhaber des zweithöchsten Amtes im Staat unserem Berufsstand, der sich dem Wohl der Patienten verpflichtet hat, als Profiteure eines eigens für sie geschaffenen Systems darstellt, markiert dies einen Tiefpunkt der politisch-moralischen Debattenkultur. So unnötig diese Wortwahl von Herrn Merz ist, zeigt sie sowohl in Semantik als auch in Pointierung eine völlige Unsensibilität. Dies befremdet zutiefst, zugleich wird dieser Ausspruch, der für ein totales Verkennen gesellschaftlicher Realitäten zeugt, wohl die weitere Kanzlerschaft begleiten.“
Nutznießer des Systems sei, wenn überhaupt, die Gesellschaft – also wir alle, die wir als Patientinnen und Patienten daran gewöhnt seien, nahezu flächendeckend quasi jede medizinische Leistung in Anspruch nehmen zu können, weitestgehend ungesteuert und oft nach eigenem Ermessen. Diese allumfassende Absicherung werde nicht zuletzt durch eine Ärzteschaft sichergestellt, welche kaum zu zählende Überstunden und Dienste sowohl im ambulanten Bereich als auch auf Station leiste und seit Jahrzehnten durch Budgetierung Millionen von Patientenkontakten und medizinische Leistungen kostenlos erbringe – als einziger akademischer Beruf.
In gewisser Weise sei die Ärzteschaft in Deutschland an fehlende Wertschätzung aus der Politik gewöhnt und auch daran, dass durch Kostendämpfungsgesetze der Altruismus unserer Profession ausgenutzt und auf ihrem Rücken wie auch letztlich dem der Patientinnen und Patienten gespart wird. Doch durch den Ausspruch von Herrn Merz sei eine neue Dimension erreicht. „Hier zeigt sich möglicherweise eine verzerrte Wahrnehmung der ärztlichen Profession, die ein grundsätzliches Problem offenbart. Die Gleichsetzung des freien Berufsarzt mit Profiteuren des Systems suggeriert, dass Ärztinnen und Ärzte als belastende Kostentreiber durch Gesetze und Reglements in die Schranken gewiesen werden müssen. Diese Vorstellung verkennt, dass unser Gesundheitssystem nicht nach der Logik eines Industriebetriebs funktioniert, mit dem Fokus auf Gewinnoptimierung, Effizienz und Effektivität“, äußert sich der Rathenower Facharzt für Allgemeinmedizin. Ärztliche Professionalität bedeute stattdessen, Patientinnen und Patienten in ihrer Individualität zu betrachten, zuzuhören, den Einzelfall in seiner Komplexität zu erfassen und eine angemessene Entscheidung durch Reflektion zu treffen.
Dabei wisse auch Herr Merz sehr genau, was passieren würde, wenn sich die Ärzteschaft wirklich so profitorientiert verhielte, wie angedeutet. „Wenn Ärztinnen und Ärzte sich etwa nur noch strikt nach den Grundsätzen des SGB V der Wirtschaftlichkeit und ausreichenden, notwendigen und zweckmäßigen Behandlung verhielten, wäre etwa für zuhörende Medizin – die im System der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht mal ansatzweise kostendeckend vergütet wird – überhaupt kein Platz mehr, die Realität in den Arztpraxen wäre eine ganz andere.
Was uns jedoch hoffnungsvoll stimmt: Offenbar wissen im Gegensatz zu manchem Politiker noch viele Menschen in unserem Land, was sie an uns haben. Das zeigen auch die vielen solidarischen Reaktionen aus den Reihen der Patienten“, so Pohle abschließend.